Mittwoch, 30. Mai 2007
Intermezzo in Figueira
Ja, ich gestehe, Asche auf mein Haupt, ich habe in den letzten Wochen keine Berichte mehr geschrieben. Aber was soll ich auch tun, wenn ich Familie gewechselt habe und dann auch noch die heftigsten Testphase kommt? Nein, das ist keine Entschuldigung, es ist eine Tatsache ;-)

Fang ich bei dem Familienwechsel an: Nachdem ich im letzten Bericht ja geschrieben hatte, dass die Situation wirklich nicht gut stand, hatte AFS versucht mir einen neue Familie zu arrangieren. Nach 2 Wochen Sendepause (ich wusste gar nichts), wurde mir dann mitgeteilt, dass es fuer mich eine Familie in Setúbal in der Naehe von Lissabon gaebe. Da ich aber mein Schuljahr nicht vorfristig abbrechen wollte, um dort dann fuer 3 Wochen in eine neue Schule zu gehen, gab es die Alternativ noch 2 Wochen in meiner alten Familie zu bleiben und erst nach dem letzten Test zu gehen. Aber dann tauchte ploetzlich meine Schulpsychologin auf und sagte, dass ich doch in ihrem Haus in Figueira selbst wohnen duerfte. Nach etwas AFS-Buerokratie ging es dann an einem Wochenende, mit nicht zu vergessen die Traenen meiner alten Gastfamilie, in das neue Heim. Der Abschied von meiner Gastfamilie im Dorf war dennoch nicht ganz einfach. Zunaechst einmal auf der praktischen Seite, da ich sage und schreibe fuenf Taschen mit meinen Sachen gefuellt hatte. Besonders erschreckte mich der in einem nicht erwarteten Ausmass gewachsene Buecherstapel. Es ist aber auch so, dass ich pro Monat mindestens zwei oder drei Buecher kaufe, ich dann aber auch noch besonders von portugiesischen Lehrer immer mal wieder ein Buch geschenkt bekommen. So war es dann kein Wunder, dass ich ingesamt 25 Kilogramm Buecher angesammelt hatte. Nachdem ich dieses praktische Problem geloest hatte, wartete noch das emotionale Problem auf mich. Immerhin hatte ich neun Monate in dieser Familie verbracht und trotz einiger Probleme mochte ich die Person immernoch. Beim Abschied, bei dem ich vom Kommiteechef und meiner Counsellorin abgeholt wurde, vergoss dann aber auch meine Gastmutter zahlreiche Traenen, da es fuer sie ein Schock war, dass nach drei erfolgreichen Beziehung zwischen Familie und Austauschschueler ein Schueler vorfristig Netos verliess.

Nun wohne ich schon seit gut zwei Wochen in einem Einfamilienhaus direkt in Figueira da Foz, etwa 400 Meter vom Strand entfernt. Pech nur, dass gerade jetzt wieder der Winter in Portugal eingesetzt hat und es nur noch regnet und regnet und regnet. Aber selbstverstaendlich gibt es auch ein anderes Vorteil meiner neuen Gastfamilie: Ich kann jetzt bis 7:45 schlafen und werde gemeinsam mit meinem Gastbruder zur Schule gefahren, die Schule liegt etwa 5 Minuten mit dem Auto entfernt. Aber anstatt von den Vorteilen zu reden, stelle ich lieber meine neue Gastfamilie vor:

Meine neue Gastfamilie

Auf diesem Bild sieht der werte Leser meine neue Gastfamilie. Von links angefangen, ist dort João Rafael. Er ist (glaube ich) 15 und geht in eine Klasse unter mir auf die selbe Schule. Still aber sehr nett, verstehe ich mich sehr gut mit ihm, was nicht nur durch die geteilte Computersucht kommt... Neben João ist Leonilde, meine neue Gastmutter. Leonilde ist von Beruf Schulpsychologin und ist an meiner Schule angestellt. Sie lebte frueher in Mosambik (port. Kolonie) und zog dann mit der Familie nach dem 25. April 1974 nach Portugal zurueck. Neben Leonilde steht Liliana, meine Gastschwester. Liliana ist genau das Gegenteil von João, immer am reden, immer am Witze reissen, ist mir sehr sympathisch :-) Sie war auch auf meiner Schule und hat mehrmals Ehrungen als beste Schuelerin der Schule und der Stadt abgesahnt, jetzt ist sie Medizinstudentin in Coimbra und kommt nur fuers Wochenende nach Figueira. Bitte dabei beachten: Medizin zu studieren ist hier genauso schwierig (oder noch schwieriger) als in Deutschland, der NC ist hier extrem hoch, weil jeder Mediziner werden moechte... Neben Leonilde steht mein Gastvater José, der beruflich als Hilfsnotar arbeitet. Er liebt Benfica (Fussball....) heiss und innig, ist aber sonst wie João relativ still.

Karikatur bzgl. eines port. Autofahrers
Habe ich schon mal etwas zum portugiesischen Autofahrer an sich geschrieben? Nein, ich glaube nicht; so ist das wohl mal noetig. Der portugiesische Autofahrer an sich kennt generell keine Regeln und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Portugal die hoechste Quote von toedlichen Unfaellen im Strassenverkehr in ganz Europa hat.. Und das meinerseits keine Einzelbeobachtung, das habe ich schon bei mehreren port. Autofahrern gesehen: Angefangen bei meiner ehem. Gastmutter, die mit ihrem Kleinbus durch die Doerfer fegte, um die Schulkinder dort abzusetzen, und sich dann ueber andere "Verkehrsrowdies" zu beschweren. Aber auch bspw. mein ehem. Gastbruder Miguel fuhr ohne Sorge nachts bis zu 180 auf der Nationalstrasse, wo eigentlich nur 90 erlaubt waren (das ist kein Scherz). Auch meine neue Gastfamilie unterscheidet sich da nicht gross. Mein Gastvater José rast mit dem Auto morgens zur Schule, sodass ich das Gefuehl habe, dass wir wirklich nicht zu spaet zur Schule kaemen, ws natuerlich nicht der Fall ist... Manchmal glaube ich wirklich nicht, was auf dem Speedometer steht, weil die Zahlen so exorbitant hoch sind. Passend zu dieser kurzen Beschreibung habe ich in meinem Portugiesischbuch eine niedliche Karikatur gefunden, siehe rechts. Von oben nach unten heisst es:
* A delicadeza do elefante / Das Feingefühl eines Elefanten
* O discernimento da galinha / Das Unterscheidungsvermögen eines Huhns
* A moderação do papagão / Die Zurückhaltung eines Papageis
* A simpatia do crocodilo / Die Sympathie eines Krokodils
* A calma do mosquito / Die Ruhe eines Moskitos
* O condutor português / (ergeben) einen portugiesischen Autofahrer
Nett, nicht? ;)

Viele Gruesse und (ich verspreche) bis bald -- Cornelius

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Freitag, 11. Mai 2007
Camp in Leiria - Abschied vom Dorf?
Olá,
Ich muss mich mal wieder tiefst entschuldigt, dass dies erst der erste Bericht im Mai ist. Aber durch verschiedene Dinge war es kaum moeglich frueher etwas zu schreiben.

Zuerstmal hatte ich letzte Woche eine “heftigere” Diskussion mit meiner Gastmutter, die dann etwas ungluecklich endete. Nachdem sie mich als “anders” und “komisches Ding” bezeichnet hat und sagte ich sollte mir eine andere Familie suchen, habe ich meinen Counsellor, eine Art Ansprechpartner meiner Austauschorganisation, angerufen und mich beschwert. Folge war dann, dass nun der Familien-Tausch-Prozess eingeleitet wurde, ich beziehungsweise meine Organisation sind nun also auf der Suche nach einer neuen Gastfamilie fuer mich. Dabei darf man nicht vergessen, dass es in meiner Region kaum andere Gastfamilien gibt, weil auch die finanzielle Situation der Familien hier nicht ganz so gut ist wie bspw. in den grossen Staedten wie Porto oder Lisboa. Seitdem warte ich nun auf eine neue Familie, mit meiner aktuellen Familie tausche ich nun selten mehr als die ueblichen Worte aus. Das es (normalerweise) Unsinn ist, 7-8 Wochen vor Ende des Austauschjahres Familie zu wechsel ist mir i.Ue. klar.

Direkt nach diesem “Ereignis” fand dann aber etwas ganz anderes statt: das naechste AFS-Camp. Zu Beginn des Jahres konnten wir aussuchen, ob wir in ein Camp ins Alentejo (Suedportugal), Ribatejo (Uferregion des Tejos, nahe bei Lisboa) oder in die Stadt Leiria wollten. Da ich ich nicht schon wieder Dorf sehen wollte (Alentejo) und Ribatejo schon ausgebucht war, hatte ich mich fuer Leiria entschieden.Mein Gastbruder in Leiria, Miguel
Daher fuhr ich dann am Donnerstag Morgen mit einem kleinen Regionalbus der Firma “Tejo” von Figueira da Foz nach Leiria, das etwa 1 Stunde und 20 Minuten dauerte. In Leiria wurde ich dann von den anderen 12 Austauschschuelern, die sich auch fuer das Camp angemeldet hatten, und den Gastfamilien begruesst. Ich hatte ein paar Tage zuvor einen Brief mit Informationen ueber meine Gastfamilie, die mich fuer 4 Tage in Leiria aufnehmen sollte, erhalten. So erfuhr ich, dass mein Gastbruder Miguel Rufino Salustiano heisst. Wer eine Weile in Portugal lebt, sieht an dem Namen drei Sachen, die ungewoehnlich sind: zuerst der erste Nachname Rufino (sehr unueblich Nachname), der zweite Nachname Salustiano (ebenfalls unueblicher Nachname) als auch, dass mein Gastbruder nur einen Vornamen (Miguel) hat. Normalerweise hat jeder Portugiese (mindestens) zwei Vornamen, da die Vielfalt der Nachnamen nicht sehr gross ist und man zum Unterscheiden meist noch einen weiteren Namen braucht.
Jedenfalls wurde ich herzlich empfangen (es war toll zumindest ein Teil der anderen Austauschschueler wieder zusehen) und bald darauf wurden wir zur Schule unserer aller Gastgeschwister gebracht, wo ich mal wieder das herrliche Kantinenessen der portugiesischen Schule geniessen durfte (als ob ich das nicht schon jeden Tag in Figueira essen wuerde...).Leiria von der Burg aus gesehen Danach veranstaltete das AFS-Kommitee von Leiria ein paddy-paper, das zu Deutsch etwa Schnitzeljagd heisst. Noch nicht mal im Deutschen habe ich bisher verstanden, wieso es Schnitzeljagd heisst, noch weniger verstehe ich aber, wie denn der Anglizismus paddy-paper ins Portugiesiche gedrungen ist. Jedenfalls ging diese Schnitzeljagd durch ganz Leiria, sodass ich so das Wichtigste dieser Stadt kennenlernte. Es ging zur Burg, zum wichtigsten Platz (Praça Rodrigues Lobo), zum Stadtfluss (Namen wieder vergessen...), etc., etc. Am Abend dann durfte ich den anderen Teil meiner Gastfamilie kennenlernen: Helena, Mathematiklehrerin an der Schule meines Gastbruders Miguel; Rui, hauptberuflich Besitzer zwei Buecherlaeden (absolut cool!) und nebenberuflich Mitarbeiter in der Plastikwarenfabrik der Familie, sowie Patrícia, 14 und etwas pubertaer veranlagt, spielt Handball, sonst ganz nett. Die Familie wohnt in einer Vorstadtsiedlung von Leiria mit einem wirklich modernen neuen Haus, das, obwohl sie schon seit 2 Jahren dort wohnen, immer noch nicht komplett eingeraeumt ist. Was mir auch sympathisch war, dass die Familie ab und zu auf Fertigprodukte zurueckgreifen muss, da weder die Eltern noch die zwei Kinder Zeit zum Kochen haben.Das Stranddorf von Leiria, Nazaré
In den folgenden Tagen schleppte mich mein Gastbruder mit den anderen Austauschschuelern jeden Abend in die Bars von Leiria und ueberredete mich portugiesischen Kaffee (etwas vergleichbar mit deutchem Espresso) zu trinken (besser als ich gedacht hatte...). In den Tagen machten wir einen Ausflug nach Nazaré, das Strandbad von Leiria, „machten“ Kletterwand-Steigen, stellten uns einer Gesamtschule vor und beantworteten Fragen rund um das Austauschjahr, veranstalteten ein Laserquest-Tournier, etc., etc. Jedenfalls sehr ermuedend aber extrem toll!
Zwischenpause in der Gesamtschule: Austauschschueler aus Mexiko, USA und Thailand (v.l.n.r.)
Am Sonntag wurde ich dann von meiner Familie zum Bus gebracht, wo ich dann feststellen musste, dass kein einziger Bus der Firma „Tejo“ am Sonntag faehrt, sodass ich weiter 1 ½ Stunden warten musste, um dann den Expressbus nach Figueira zu nehmen. Zum Abschied erhielt ich von meiner Familie ungewoehnlich viele Abschiedsgeschenke (Das Buch Memorial do Convento des portugiesischen Nobelpreistraeger José Seramago; eine Gedichtsammlung von António Gedeão; Fotos von meiner Gastfamilie sowie die typischen Suessigkeiten von Leiria) und das Angebot wieder vorbeizukommen. Ueber die 4 Tage hatte ich extrem viele neue Bekanntschaften vor allem mit Portugiesen gemacht, was sehr amuesant war, weil diese wiederum sich ueber meinen deutschen Akzent totlachen konnten (dabei ist der gar nicht so schlimm).
Nach einer Stunde Expressbusfahrt kam ich dann so erschoepf in Figueira an, wo ich von meinem Gastvater abgeholt wurde. Die typischen Kuchen aus Leiria schenkte ich meiner Gastmutter zum (Gast-?)Muttertag, immerhin erhielt ich zwei Kuesschen auf die Wangen mehr als sonst (...).
Es hatte sich jedenfalls gelohnt, Leiria als Camp auszusuchen!

Oben hatte ich ja schon etwas ueber die Namensangelegenheiten in Portugal geschrieben. Sicherlich kann man das alles noch wesentlich wissenschaftlicher Betreiben, dennoch wollte ich mal meine Beobachtungen schildern:

Portugiesen tragen grundsaetzlich immer zwei Nachnamen, wichtigster Name, der auch zuletzt genannt wird, ist der Name des Vaters. Der andere Nachname ist, logisch, dann der Name der Mutter, der ab und zu um Namenverwechslungen zu vermeiden, benutzt wird. Nachnamen haben auch in Portugal meist eine Bedeutung, die haeufigsten Nachnamen sind uebrigens nicht wie in Deutschland Berufe (Schmied, Fischer, Mayer, Richter, Schaefer, was weiss ich) sondern Baeume wie Pereira (Birnenbaum), Carvalho (Eiche) oder Oliveira (Olivenbaum). Dennoch gibt es natuerlich auch Berufe, bspw. heisst meine Gastfamilie Ferreira (Schmied).
Aber nicht nur bei den Nachnamen gibt es etwas zu beobachten, auch die Vornamen sind recht interessant. Haeufigster Vorname ist und bleibt, nach meiner Beochbachtung, immernoch João (ich kenne 9 Joãos!), der uebrigens nicht nur als Jungen-, sondern auch als Maedchenvorname benutzt werden kann. João ist im Uebrigen das portugiesische Aequivalent zum deutschen Johannes. Ein weiterer weitverbreiteter Jungenvorname ist Tiago (wozu es laut der Uebersetzung des Focaultschen Pendels auch ein deutsches Aequivalent gibt, das ich aber wieder vergessen habe) und José dessen deutsches Aequivalent Josef ist und uebrigens nicht wie im Spanisch „chosssee“ sondern „dschoseee“ ausgesprochen wird. Maedchenvornamen sind hielt generell Ana, Rita, Sofia und Maria. Der Vorname Alexandra wird normalerweise nur als zweiter Vorname genutzt und alle Namenstraegerinnen koennen den Namen nicht ausstehen.
Mit den Namenverwechslungen ist dies uebrigens eine ganz ernste Sache, sodass beispielsweise im Fernsehen viele Personen nicht à la Vorname + 2. Nachname (also zB Rui Costa oder Nuno Gomes [zwei Fussballspieler]) sondern 1. Nachname + 2. Nachname genutzt wird, wie beispielsweise Cavaco Silva (portugiesischer Staatspraesident) anstatt Ánibal Cavaco Silca und Durão Baroso (EU-Kommissionpraesident) anstatt José Manuel Durão Baroso .

Até à próxima, in Hoffung dann mit neuer Gastfamilie, Cornelius.

Wenn mal wieder komische Fotos von mir gemacht werden...

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Freitag, 20. April 2007
Eu estou doente
Olá,
zum ersten Mal in Portugal hat mich nun eine heftige Erkaeltung erwischt, sodass ich am Dienstag vorzeitig nach Hause fahren musste. Es war sehr bemerkenswert, wie sich alle funcionárias sorgsam um mich gekuemmert haben, auch Tage spaeter wurde ich sogar vom concelho executivo, also dem Schuldirektor, gefragt, ob es mir schon besser gehe. Die Ursache dieser Erkaeltung war (mal wieder?) eine groessere Diskussion in meiner Gastfamilie. Ich denke, es liegt daran, dass ich in der Nacht von Montag zu Dienstag vergessen hatte das Fenster zu schliessen, sodass ein Spalt offen blieb. Waehrend es mittags in Portugal jetzt um die 30 Grad ist, sinken die Temperaturen auf bis zu 5-10 Grad. Entgegen behauptet meine Gastmutter, ich sei krank, weil ich am Wochenende (Samstag) zu lange in der Sonne gewesen und gelesen haette. Fuer mich waere das ein ganz neuer Fakt der Biologie, dass ich durch zu lange Sonneneinstrahlung eine Erkaeltung bekommen koennte. Wegen meiner Unglaeubigkeit muss ich mir jetzt Sprueche à la O cego é que não quer ver (der Blinde ist der, der nicht sehen will)...

Letzten Freitag fand in der Schule ein sogenannter "Sarau" statt. Ein Sarau ist ein Veranstaltung, in der alle Schueler, die Lust dazu haben, sich mit Tanzen/Singen/sonstwas hervorbringen koennen. Meine Schule veranstaltet jedes Jahr einen "Sarau", Ein Dreiergespann aus meiner Parallelklasse tanzte moderne Taenzeder auch bei den Schuelern sehr beliebt ist. Ich hatte davon nur beilaeufig etwas gehoert, doch am Donnerstag vor dem Sarau wurde ich abends von einer der drei Schuldirektorinnen meiner Schule angerufen und gefragt, ob ich denn nicht Fotos machen moechte. Kann man so einen Wunsch abschlagen? Mit Sicherheit nicht, vor allem, wenn man noch ein "Orga-Ticket" bekommt, also auch hinter die Kulissen kann. Am naechsten Tag blieb ich einfach in Figueira ohne nach Hause zu fahren (ich verbrachten den Grossteil der Zeit in der Stadtbibliothek), eine Pizza gegessen und danach wieder zur Schule gegangen. Dort begann dann um 21:00 beziehungsweise - Ein Maedchen aus der 10. imitierte Marizatypisch portugiesisch - verspaetet um 21:20 das vielfaeltige Programm. Als erstes kam eine Neufassung von Schneewittchen und die sieben Zwerge (A Branca de Neve e os sete anões), das grosses Aufsehen erregte, weil am Anfang eine Art Castingshow à la Bachelor (das RTL-Programm) vorgefuehrt wurde in dem es hiess: Schneewittchen!, such dir deinen Prinzen aus!. Weiter ging es dann mit zwei Themenbeitraege zu Darwin und den olympischen Spielen (inklusive kleiner, sportlicher Einlage des 7. Jahrgangs), Auch Walzer wurde aufgefuehrtdanach kam ein Dreiergespann aus meiner Parallelklasse, das verschiedene, moderne Taenze auffuehrte. Darauf kam dann ein Maedchen aus dem 10. Jahrgang, die mit hervorragender Stimme Mariza, eine portugiesische Fadosaengerin, immitierte. Dann kamen nochmal moderne Taenze aus dem 8. Jahrgang, dann der - angebliche - Hoehepunkt des Abends: Mehrer Schueler meiner Matheklasse tanzten in Frack/Rock Wiener Walzer. War ganz nett, auch wenn die Kleider teilweise doch etwas zu kitschig waren... Als letztes folgte ein kleines Orchester aus den verschiedensten Jahrgaengen, das mir persoenlich am besten gefiel. Nach dem Sarau, der "schon um 23:00 aufhoerte (im Jahr zuvor soll es bis 02:00 gegangen sein), wusste ich erst gar nicht: wie komm ich nach Hause? Der letzte Bus ins Dorf faehr um 19:10, der letzte Zug ebenfalls. Per Zufall fand ich dann aber einen Busfahrer aus meinem Dorf, dessen Kinder bei der Auffuehrung halfen. So fand ich dann doch nach Hause...

Beim letzten Durchblick durch die Berichte der letzte 300 Tage ist mir aufgefallen, dass ich ueber ein Thema aus Portugal noch ueberhaupt nicht berichtet habe: Musik. Selbstverstaendlich gibt es auch in Portugal viel (teils gute, teils schlechte) Musik, abgesehen von dem, was man sowieso auch bei deutschen Radiosaendern hoert. Als besonders bekannt in Portugal gilt André Sardet, der in den ersten Monaten meines Auslandsjahres mit seinem Album "acústico" auf Platz 1 der Charts stand, besonders beliebt ist dabei das Lied Foi feitiço (Er/Sie ist verzaubert worden), siehe auch das Video auf YouTube (DSL empfohlen). Zu den bekannten Bands und Gruppen Portugals gehoeren aber auch beispielsweise The Gift, eine Pop-Rock-Gruppe, die normalerweise Englisch singen. Ihr letztes Album jedoch, Fácil de Entender (Leicht zu verstehen), haben sie auf Portugiesisch gesungen und damit ebenso einen grossen Erfolgt hingelegt. Das bekannteste Lied des Albums dabei hat den gleichen Namen wie das Album, Fácil de Entender, siehe auch das Video auf YouTube. Aber auch traditionelle Musik hat durchaus ihre Chances in Portugal, am bekanntensten (natuerlich?!) Fado. Kurz bevor Amália Rodrigues, die portugiesische Fadokoenigin verstarb, bestimmte sie Mariza als ihre Nachfolgerin. Seitdem ist Mariza die bekannteste (lebende) Fadosaengerin des Landes, so gesehen gibt es dort nicht ein bestimmtes Lied, was hervorzuheben waere, alle sind ganz, beispielsweise Meu Fado Meu (Mein [eigener] Fado) auf YouTube.. Neben dem Fado gibt es aber auch portugiesischen Schlager (leider), der besonders unter den Damen fortgeschrittenen Alters wie meiner Gastmutter, grossen Erfolgt hat. Besonders hervorzuheben ist hier Tony Carreira, dessen Platte immer erfolgreich sind. Sein letztes Album ist A Vidoa Que Eu Escolhi (Das Leben, das ich ausgesucht habe; ist das nicht schon ein toller Titel!?) hoert meine Gastmutter hoch und runter, siehe auch den Song O Que Vai Ser De Mim (Was von mir sein wird). Neben diesen Bands der eher klassischer Musik gibt es (natuerlich) auch in Portugal Pop und HipHopbands. Beispielsweise ganz aktuell ist gerade das Album Amor, Escarnio e Maldizer (Liebe, Spott und Fluchen) der HipHopband "Da Weasel". Deren Song "Dialectos da Ternura" (Video auf YouTube dessen Refrain (Uuh uuh, yeah yeah, faz faz, bebé) gerade ganz Portugal singt ist am bekanntesten. Aber neben diesen Bands gibt es auch noch eine ganz eigene Kategorie in der portugiesischen Musikbranche, naemlich die Bands, die durch Fernsehsender engagiert und durch deren Sendungen bekannt werden. Dabei gibt es eine ganz Reihe von Beispielen, da gibt es Floribella, deren Hauptsaengerin gleichzeitig den wichtigsten Charakter in der Telenovela "Floribella" spielt (Video auf YouTube). Aber auch die Band 4 Taste ist durch die Telenovela "Morangos com Açúcar" (Erdbeeren mit Zucker) des Fernsehsenders TVI bekannt geworden; deren Lied Só Tu Podes Alcançar (Nur du kannst [es] erreichen) (Video) ist derzeit ein Renner bei Karaokebars. Durch die brasilianische Telenovela "Páginas da Vida" (Seiten des Lebens), die gerade die Lieblingsnovela meiner Gastmutter ist, wurde auch der brasilianische Saenger Papa da Língua (Vater der Sprache) mit seinem Song Eu Sei (Ich weiss) bekannt, sein Album ist gerade ebenfalls in den Charts ((Video)). So hoffe ich, dass ich euch wenigstens einen kleinen Einblick in die Musik geben kann, die ich derzeit nahezu jeden hoeren kann.

Viele Gruesse, bis bald, até breve, tchau, --Cornelius

P.S.: Dadurch, dass meine Gastschwester den Laptop okkupiert und meine Bilder auf eine DVD und somit von ihrem Laptop geloescht hat, bin ich gerade "heimatlos". Deswegen muss ich jetzt immer in der Bibliothek oder in der Schule ins Internet gehen und komme somit auch seltener zum schreiben und zum beantworten von Emails.

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